Bildungswissenschaftler/in im Bereich der Eltern-/Familienbildung

Entwicklung eines Lehrplanentwurfs nach dem 4C/ID-Modell

Lernaufgaben

Lernaufgaben sind das Rückgrat des 4C/ID-Modells. Ihre wichtigsten Merkmale sind Authentizität, Ganzheitlichkeit und Variabilität. Der Schwierigkeitsgrad von Lernaufgaben einer Aufgabenklasse ist gleich. Innerhalb dieses gesteckten Rah­mens der Aufgabenklasse ist es jedoch sehr wichtig, dass sie unterschiedliche Be­sonderheiten und Vertrautheit aufweisen, in variierenden Kontexten angesiedelt sind und sich genauso unterscheiden wie Situationen der wirklichen Arbeitswelt. Diese Variabilität ist notwendig, damit der Entwicklungsprozess komplexer men­taler Modelle gefördert wird, die den Transfer vom Trainingsprogramm zur wirk­lichen Welt erst möglich machen (van Merriënboer et al., 2002).

Lernaufgaben unterscheiden sich zusätzlich zu ihrer Variabilität im Umfang der Unterstützung und Anleitung (support and guidance), die der Lernende erhält. Zu Beginn der Aufgabenklasse wird diese Begleitung verstärkt angeboten. Sie nimmt bei nachfolgenden Lernaufgaben der Aufgabenklasse ab, bis am Ende der Aufga­benklasse keinerlei Begleitung mehr gegeben wird. Dieser Vorgang der abneh­menden Lernprozessunterstützung wird Scaffolding genannt; das Gerüst aus Hilfe und Begleitung wird in dem Maße abgebaut, in dem es vom Lernenden nicht mehr benötigt wird (van Merriënboer, Kirschner & Kester, 2003). In Abbildung 1 wird das Scaffolding als graue Füllung der Kreise, Symbole für Lernaufgaben, dargestellt.

Im 4C/ID-Modell wird das allgemeine Problemlösungsmodell von Newell und Si­mon (1972, zitiert nach van Merriënboer et al., 2002) benutzt, um die Struk­tur der Unterstützung zu unterscheiden. Danach kann jede Lernaufgabe durch vier Elemente beschrieben werden: Ist-Zustand (a), Soll-Zustand (b), Lösungsweg (c) als Sequenz von Operatoren, die den Übergang von (a) nach (b) möglich machen und der Problemlösungsprozess selbst (d) als Anpassung mentaler Hand­lungen zum Erreichen des Ziels (van Merriënboer et al., 2002; van Merri­ënboer & Kirschner, 2009). Dieses Modell dient dazu, nach produktori­entierter (Elemente a bis c) und prozessorientierter Unterstützung (Element d) zu unterscheiden.

Die Realisierung der, gemäß Scaffolding variierenden, produktorientierten Unter­stützung erfolgt im 4C/ID-Modell anhand von sechs unterschiedlichen Aufgaben­typen: Lösungsbeispiel, umgekehrtes Problem, Imitationsproblem, Vervollständi­gungsproblem, zielfreies Problem und konventionelles Problem (Janssen-Noord­man & van Merriënboer, 2009). Die Unterstützung des Lernenden ist beim Lösungsbeispiel am größten, nimmt bei den nachfolgenden Aufgabentypen ab und bietet bei der letzten Variante, dem konventionellen Problem, nur noch ge­ringe Unterstützung des Lernenden.

Tabelle 4 enthält drei Lernaufgaben in den Varianten Lösungsbeispiel, Vervoll­ständigungsproblem und zielfreies Problem zur Aufgabenklasse 1 des Anwen­dungsbeispiels gemäß Tabelle 3. Neben Angaben zu Ist-, Soll-Zustand und Lö­sungsweg sind jeweils eine Erläuterung und die Aufgabenstellung für den Lernen­den angegeben.

Tabelle 4: 3 Lernaufgaben zu Aufgabenklasse 1 zum Beispiel "Bildungswissenschaft­ler/in im Bereich der Eltern-/Familienbildung". Quelle: Eigene Darstellung MK.

Lernaufgabe 1.1 (Lösungsbeispiel)
Ist-Zustand: gegeben
Maßnahme soll durchge­führt werden.
Soll-Zustand: gegeben
Maßnahme wird durchge­führt.
Lösungsweg: gegeben
Ein Experte zeigt und erläu­tert jeden Schritt.
Erläuterung:
Der Experte im Film ermittelt den Bedarf aus Elterngesprächen und Rückmeldungen vom Arbeitsamt. Zwei Zielgruppen sind möglich; er entscheidet sich für "Alleinerzieh­ende". Er erläutert jede Handlung und jede Entscheidung. Nach der Planung führt er die Maßnahme durch, gibt Einblick in seinen Vortrag und kommentiert seine eigene Dis­kussionsleitung, die im Hintergrund abläuft. Zum Schluss lässt er den Lernenden an der Evaluation der Maßnahme teilhaben, indem er auch hier seine Gedanken laut ausspricht und Datenerhebung, -auswertung und -dokumentation kommentiert. Bei den Erläute­rungen und Kommentaren erscheint das Gesicht des Experten vor dem Film im Hinter­grund; er sieht und spricht den Lernenden an. Der Lernende kann die kognitiven Mo­delle und Strategien des Experten übernehmen.
Aufgabenstellung:
Sie begleiten einen Experten, der sich mit der Planung, Durchführung und Evaluation ei­ner Präventivmaßnahme in einem Dorf am Niederrhein befasst. Schauen und hören Sie genau zu. Sie haben die Möglichkeit, Fragen an den Experten zu stellen. Beantworten Sie anschließend die Ihnen gestellten Fragen und beurteilen Sie die Entscheidungen des Experten mit Begründung.
Lernaufgabe 1.2 (Vervollständigungsproblem)
Ist-Zustand: gegeben
Einladung zu Elternver­sammlung. Zielgruppe: Grundschuleltern. Thema: Mobbing.
Soll-Zustand: gegeben
Die Diskussion leitet der Schulleiter. Das Programm wird durchgeführt und ein Evaluationsbericht erstellt.
Lösungsweg: muss ergänzt werden. Einige Lösungs­wegelemente sind gegeben.
Erläuterung:
Der Lernende muss den bereits vorhandenen Lösungsweg ergänzen. Dabei muss er sich mit den Vorgaben intensiv auseinandersetzen, um den Lösungsweg sinnvoll ergänzen zu können.
Der Lernende erhält eine vorbereiteten Artikel zu seinem Programm für die Schulhome­page, den er nach den vorgegebenen Angaben bzgl. Format ergänzen muss. Das Formu­lar für den Ablaufplan ist als Struktur vorhanden; er muss es noch ausfüllen. Die Prä­sentation muss er erstellen und vorbereiten. Zu zehn gestellten Elternfragen erhält er je­weils drei Auswahlantworten als Vorlage, aus denen er eine auswählen kann. Aus den erhobenen und ausgewerteten Evaluationsdaten soll er einen kommentierten Bericht für den Schulleiter zusammenstellen.
Aufgabenstellung:
Sie haben eine Einladung zu einer Elternversammlung in einer städtischen Grundschule erhalten und werden gebeten, ein Präventivprogramm zum Thema Mobbing mit den El­tern der Grundschulkinder durchzuführen. Für die Schulwebseite sollen Sie eine Infor­mation zu dieser Veranstaltung einreichen; beachten Sie die Formatvorgaben. Die Dis­kussion wird durch den Schulleiter geleitet; er benötigt von Ihnen einen Ablaufplan und eine kurze Inhaltsangabe zu Ihrer Präsentation. Sie sollen die Präsentation vorbereiten, durchführen und die Fragen der Eltern beantworten. Anschließend sollen Sie die erho­benen und ausgewerteten Daten kommentieren und zu einem Bericht an den Schulleiter zusammenstellen.
Lernaufgabe 1.3 (Zielfreies Problem)
Ist-Zustand: Erhebungsda­ten gegeben. Weiteres Vor­gehen soll erläutert werden. Soll-Zustand: muss definiert werden. Lösungsweg: muss gefun­den werden.
Erläuterung:
Es ist kein spezifisches Ziel vorgegeben. Der Lernende soll eine Möglichkeit aufzeigen, welche Schlussfolgerungen aus den gegebenen Erhebungsdaten für die Planung einer Maßnahme gezogen werden können, welche Programme in Frage kommen und wie er involvierte Handlungen und Entscheidungen am besten verdeutlichen kann.
Aufgabenstellung:
Ihre Institution muss sich einem Zertifizierungsaudit unterziehen. Dabei werden Organi­sationsabläufe überprüft. Ihr Vorgesetzter benötigt von Ihnen einen Übersicht über alle Handlungen und Entscheidungen beim Durchführen einer Präventivmaßnahme. Er bittet Sie, dem Auditor zu erläutern und zu demonstrieren, wie Sie bei der Planung und Durchführung vorgehen. Als Grundlage erhalten Sie Erhebungsdaten eines Kleinstadt­viertels. Zeigen Sie mit einem Medium Ihrer Wahl eine Möglichkeit auf, wie Sie auf der Grundlage dieser Daten eine Präventativmaßnahme planen und durchführen.
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