Bildungswissenschaftler/in im Bereich der Eltern-/Familienbildung

Entwicklung eines Lehrplanentwurfs nach dem 4C/ID-Modell

Aufgabenklassen und ihre Sequentialisierung

Aufgabenklassen organisieren Lernaufgaben in "easy-to-difficult categories" und dienen der Steuerung des Auswahl- und Designprozesses von passenden Lernauf­gaben (van Merriënboer et al., 2002). Jede Lernaufgabe stellt ein ganzheitli­ches, authentisches Problem der wirklichen Arbeitswelt dar, bei dessen Bewälti­gung die ganzheitliche Fertigkeit geübt wird. Da es aber nicht möglich ist, vom Beginn des Trainings an hoch komplexe Aufgaben zu stellen, ohne den Lernenden zu überfordern, stehen am Anfang relativ einfache Versionen von ganzheitlichen Lernaufgaben. Dadurch kann die intrinsische Belastung (intrinsic cognitive load) reguliert werden (van Merriënboer & Kirschner, 2009). Die Komplexität wird gesteigert, bis am Ende hoch komplexe authentische Lernaufgaben zu lösen sind, die sich an den schwierigsten Bedingungen in der Berufspraxis orientieren, die dem Experten dort begegnen können. Dabei wird der Schwierigkeitsgrad durch die Aufgabenklasse bestimmt, in die die Lernaufgabe eingeordnet ist, und nicht durch die einzelne Lernaufgabe selbst. Lernaufgaben einer Aufgabenklasse entsprechen sich im Schwierigkeitsgrad und können mit Hilfe der gleichen men­talen Modelle und kognitiven Strategien gelöst werden (van Merriënboer et al., 2002). Die Aufgabenklassen folgen sequentiell aufeinander, dabei steigert sich ihre Komplexität. Für die Sequentialisierung von Aufgabenklassen für ganz­heitliche Fertigkeiten werden von van Merriënboer und Kirschner (2009) folgende Methoden vorgestellt: Vereinfachende Annahmen (simplifying condi­tions), Nachdruck-Manipulation (emphasis manipulation) und Methoden der Wis­sensprogression (knowledge progression), bei denen eine Sequenz von Aufgaben­klassen auf detaillierter Aufgaben- und Wissensanalyse beruht. Dazu gehören die Ansätze Progression of Cognitive Strategies und Progression of Mental Models (van Merriënboer & Kirschner, 2009).

Diese Methoden können alle miteinander kombiniert werden. Für das Anwen­dungsbeispiel wird der Ansatz der vereinfachenden Annahmen ausgewählt. Van Merriënboer und Kirschner ordnen ihn als die Methode ein, "[which] is typically tried out first" (2009). Beim Ansatz der vereinfachenden Annahmen wird der Lernende mit allen konstituierenden Fertigkeiten gleichzeitig konfrontiert; es ändern sich jedoch die Bedingungen, unter denen die ganzheitliche Kompetenz trainiert wird, derart, dass die Schwierigkeit im Laufe des Trainings nach und nach zunimmt (van Merriënboer & Kirschner, 2009).

Tabelle 1: Vereinfachende Annahmen zum Beispiel "Bildungswissenschaftler/in im Be­reich der Eltern-/Familienbildung". Quelle: Eigene Darstellung MK.

Entwurf für eine Serie von Aufgabenklassen
Typ regionales Ansehen von Präventivprogrammen von hoch bis gering
Typ Elternbefragungsergebnisse liegen vor / liegen nicht vor
Anzahl potentieller Zielgruppen von 2 bis mindestens 4
Prozentsatz der durchschnittlichen Lernzielerfül­lung der letzten Maßnahmen von 98% bis 50%
Typ Präsentationstechnik bekannt (eigen/fremd) / unbekannt
Typ Motivation der Gruppe hoch / gering
Typ Erfahrung der Teilnehmer mit Gruppendiskus­sionen viel / wenig
Typ Evaluationskonzept (Fragebogen) liegt vor / liegt nicht vor

Die in Tabelle 1 zusammengestellten vereinfachenden Annahmen zum Anwen­dungsbeispiel stellen nur eine exemplarische Auswahl dar. Im nächsten Schritt wird die Anzahl der Aufgabenklassen bestimmt und die vereinfachenden Annah­men in ihrer Spannweite über die Aufgabenklassen verteilt. Die Sequenz von drei Aufgabenklassen zum Anwendungsbeispiel stellt Tabelle 2 dar. In Tabelle 3 sind die drei ausgearbeiteten Aufgabenklassen zusammengestellt, die zur Kategorisie­rung der Lernaufgaben (Kapitel 2.3) dienen sollen.

Tabelle 2: Sequenz von Aufgabenklassen zum Beispiel "Bildungswissenschaftler/in im Bereich der Eltern-/Familienbildung". Quelle: Eigene Darstellung MK.

  Aufgabenklasse 1 Aufgabenklasse 2 Aufgabenklasse 3
Typ regionales Ansehen von Präventivprogrammen hoch mittel gering
Typ Elternbefragungser­gebnisse liegen vor liegen vor liegen nicht vor
Anzahl potentieller Zielgruppen 2 3 4 oder mehr
Prozentsatz durchschnittli­che Lernzielerfüllung der letzten Maßnahmen 98% 85% 50%
Typ Präsentationstechnik bekannt (eigene) bekannt (fremde) unbekannt
Typ Motivation der Gruppe hoch hoch gering
Typ Erfahrung der Teilneh­mer mit Gruppendiskussio­nen viel wenig wenig
Typ Evaluationskonzept (Fragebogen) liegt vor liegt nicht vor liegt nicht vor

Tabelle 3: Aufgabenklassen zum Beispiel "Bildungswissenschaftler/in im Bereich der Eltern-/Familienbildung". Quelle: Eigene Darstellung MK.

Aufgabenklasse 1:
Der Lernende wird konfrontiert mit Situationen, in denen das regionale Ansehen von Präventivprogrammen hoch ist. Das hat positive Auswirkungen auf Förderbereitschaft, Werbewirksamkeit und Diskussionsverlauf. Die Elternbefragungsergebnisse liegen be­reits vor; bei der Bedarfsanalyse kristallisieren sich zwei Zielgruppen heraus. Die Analyse der Evaluationsdokumente der letzten Maßnahmen ergibt, dass die durch­schnittliche Lernzielerfüllung bei 98% lag, was Zieljustierungen und Programmände­rungen vernachlässigbar macht. Für die Präsentation wird die eigene, bekannte Technik verwendet. Die Motivation der Gruppe ist hoch und die Teilnehmer haben alle viel Er­fahrung mit Gruppendiskussionen. Das abschließende Evaluationskonzept liegt vor und die Rahmenvorgaben für den Fragebogen sind festgelegt.
Aufgabenklasse 2:
Der Lernende wird konfrontiert mit Situationen, in denen das regionale Ansehen von Präventivprogrammen mittelmäßig ist. Das bewirkt weder positive noch negative Aus­wirkungen auf Förderbereitschaft, Werbewirksamkeit und Diskussionsverlauf. Die El­ternbefragungsergebnisse liegen bereits vor; bei der Bedarfsanalyse muss zwischen drei Zielgruppen entschieden werden. Die Analyse der Evaluationsdokumente der letzten Maßnahmen ergibt, dass die durchschnittliche Lernzielerfüllung bei 85% lag, was geringe Zieljustierungen und Programmänderungen notwendig macht. Für die Präsenta­tion muss fremde Technik verwendet werden, die aber bekannt ist. Die Motivation der Gruppe ist hoch, die Teilnehmer haben jedoch wenig Erfahrung mit Gruppendiskus­sionen. Das abschließende Evaluationskonzept muss komplett selbst erarbeitet werden.
Aufgabenklasse 3:
Der Lernende wird konfrontiert mit Situationen, in denen das regionale Ansehen von Präventivprogrammen gering ist. Das hat negative Auswirkungen auf Förderbereit­schaft, Werbewirksamkeit und Diskussionsverlauf. Die Elternbefragungen müssen selbst durchgeführt werden; es liegen keine Ergebnisse vor. Bei der Bedarfsanalyse muss zwischen vier und mehr Zielgruppen entschieden werden. Die Analyse der Eva­luationsdokumente der letzten Maßnahmen ergibt, dass die durchschnittliche Lernziel­erfüllung bei 50% lag, was erhebliche Zieljustierungen und Programmänderungen not­wendig macht. Für die Präsentation muss unbekannte Technik verwendet werden. Die Motivation der Gruppe ist gering, die Teilnehmer haben außerdem wenig Erfahrung mit Gruppendiskussionen. Das abschließende Evaluationskonzept muss komplett selbst er­arbeitet werden.
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